Flusskrebse zählen zu den größten wirbellosen Bewohnern in Gewässern. Mit Ausnahme von Afrika, der Antarktis und dem Indischen Subkontinent kommen sie auf sämtlichen Kontinenten der Erde vor.
In taxonomischer Hinsicht werden Flusskrebse auf Grund ihrer zehn Schreitbeine zur Gruppe der Zehnfußkrebse (Decapoda) gerechnet, welche wiederum zu den höheren Krebstieren gehören (Malacostraca). Die Unterordnung der Großkrebse (Astacidea), die den Decapoda angehört, wird in zwei Überfamilien unterteilt, jene der Astacoidea (Astacidae und Cambaridae, Nordhalbkugel) und jene der Parastacoidea (Parastacidae, Südhalbkugel). Die in Europa ursprünglich vorkommenden Arten gehören allesamt zur Familie der Astacidae, darin wird wiederum zwischen den Gattungen Astacus und Austropotamobius zu unterschieden.
Während Nordamerika (ca. 380 Arten) und Australien (ca. 150 Arten) eine sehr große Artenvielfalt aufweisen, können in Europa nur sehr wenige Arten (s.u.) angetroffen werden. Dies dürfte insbesondere auf die große Nord-/ Südbarriere des Alpenbogens zurückzuführen sein, die vor bzw. während der letzten Eiszeit viele nördlich davon angestammten Arten mangels südwärts gerichteter Ausbreitungsmöglichkeit aussterben ließ (während eine vergleichbare Barriere in Nordamerika nicht besteht).
Jene Arten, die die Eiszeiten in Europa überlebten, dürften diese ganz überwiegend in südlich gelegenen Rückzugsgebieten in Italien, Spanien, Griechenland, auf dem Balkan und in der Türkei überdauert haben. Von dort aus begannen sie die Rekolonisierung der nördlichen Teile Europas nach dem Ende der letzten Eiszeit über die großen Flusssysteme. Und dennoch, neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass kleinräumig auch Populationen in nördlichen Bereichen überlebt haben könnten (in sog. Mikrorefugien). Die nacheiszeitliche Ausbreitung aller verbliebenen Stränge im Laufe der Jahrtausende führte zum heutigen Verbreitungsmuster der europäischen Flusskrebse.
Folgende europäische Flusskrebsarten sind – in erster Linie basierend auf morphologischen Kennzeichen – bereits seit Langem beschrieben bzw. anerkannt:
- Edelkrebs (Astacus astacus, Linnaeus 1758)
- Galizischer Sumpfkrebs (Astacus leptodactylus, Eschscholz 1823)
- Russischer Flusskrebs (Astacus pachypus, Rathke 1837)
- Dohlenkrebs (Austropotamobius pallipes, Lereboullet 1858)
- Steinkrebs (Austropotamobius torrentium, Schrank 1803)
Der Edelkrebs wird als die mittel- und nordosteuropäische, der Galizier als die osteuropäische, der Dohlenkrebs als die mittel- und südwesteuropäische und der Steinkrebs als die mittel- und südosteuropäische Art angesehen. Der Russische Flusskrebs kommt ausschließlich in der Schwarzmeerregion vor.
Jüngere Forschungsergebnisse, die auf genetischen Analysen basieren, erschütterten dieses klare Artenbild für einige der europäischen Arten mittlerweile. So gilt der Dohlenkrebs mittlerweile als Artenkomplex bestehend aus den Arten A. pallipes und A. italicus, wobei für letztere die genetischen Sublinien A. i. italicus, A. i. carsicus und A. i. carinthiacus beschrieben wurden. Auch für den Steinkrebs wurde im nördlichen Balkanraum ein erhöhtes genetisches Differenzierungsmuster nachgewiesen, das die Existenz von Subspezies nicht ausschließen lässt und wurde im Jahr 2018 in Rumänien eine neue Art als Austropotamobius bihariensis beschrieben, die mit dem mitteleuropäischen Steinkrebs sehr nahe verwandt ist.
Das natürliche Verbreitungsmuster der europäischen Flusskrebse wurde durch den Einfluss des Menschen während der vergangenen Jahrhunderte z.T. deutlich verändert. So geht aus historischen Aufzeichnungen klar hervor, dass Flusskrebse bereits im Mittelalter gehandelt wurden und ein intensiver Besatz stattfand. Diesbezüglich nahmen die Herrscherhäuser und Klöster eine bedeutende Rolle ein. Im Wesentlichen traf dies für jene Arten zu, die für Speisezwecke von Relevanz waren, d.h. den Edel-, den Dohlen- sowie den Galizischen Sumpfkrebs. Man geht sogar davon aus, dass etwa der Dohlenkrebs nur auf Grund des Menschen heute in Großbritannien und Irland vorkommt. Der Steinkrebs war diesbezüglich hingegen kaum von Interesse, weshalb für diese Art das angenommene natürliche sowie das heutige tatsächliche Verbreitungsgebiet weitestgehend übereinstimmen.
In den vergangenen Jahrzehnten haben moderne wissenschaftliche Methoden ganz entscheidend zum Erkenntnisgewinn im Hinblick auf die Systematik, die Phylogenie und die Populationsgenetik der europäischen Flusskrebse beigetragen. Gestützt auf die Ergebnisse unzähliger phylogenetischer und biogeographischer Studien ist eine Rekonstruktion sowohl der natürlichen Rückeroberungswege als auch des Einflusses des Menschen auf das heutige Verbreitungsbild auf dem europäischen Kontinent möglich.